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Goldbach bis Äquator

 
   

November 2012:

Seit dem 12. November bin ich nun unterwegs nach Südamerika.

Um mich richtig vom winterlichen Europa zu verabschieden gab mir die kalte Fahrt von Lützelflüh nach dem belgischen Antwerpen ausgiebig Gelegenheit. Auf der alten England Route fuhr ich durchs Elsass, Lothringen um schliesslich in Luxemburg günstig zu tanken und mich mit einem heissen Kaffee etwas aufzuwärmen.

Ich wählte bewusst die Route von Selestat durch den Tunnel du St. Marie um nach Nancy zu kommen. Während meiner Fahrenszeit auf der Englandlinie war dies eine meiner liebsten Routen; eng, durch Dörfer und elsässer Städtchen und sommers wie winters ein herrlicher Genuss in schöner Landschaft. Viele Jahre habe ich diese Strecke nicht mehr befahren, denn mit dem Motorrad wählt man in den Vogesen nicht die grossen Transitstrecken in den Tälern. Vielmehr lockt da die Route de Crete und vieles mehr. Um so erstaunter war ich wie sehr sich die Strassen verändert haben. Kaum mehr eine enge Dorfdurchfahrt, keine Fahrt mehr durchs Städtchen. Allerorts und überall sind grosse Umfahrungsstrassen gebaut worden. Grosse Kreisel halten den wenigen Verkehr flüssig. Selbst die Einfahrt in den Tunnel du St. Marie les Mines ist komplett verändert. Die alte Zufahrt mit der trauten Tankstelle und dem heimeligen Routiers Restaurant ist verschwunden. Schade. So manchen schönen Abend habe ich da auf dem Weg nach England zugebracht. Ja selbst der Tunnel ist nicht mehr das schwarze Loch wie noch vor einigen Jahren. Hell gestrichen und mit moderner Beleuchtung versehen ist die Fahrt wenn auch nicht viel angenehmer, dann doch erträglicher. Eng, sehr eng ist und bleibt diese Röhre. Bei Luneville geht es weiter in Richtung Nancy und da bin ich auch wieder im Lastwagenverkehr drinnen. Denn seit die Vogesen Transitstrecken so wunderschön ausgebaut sind, gilt auf ihnen ein striktes Transitfahrverbot für LKW's. Kaum zu glauben mit welchem finanziellen Aufwand hier Strassen gebaut wurden, nur um den lokalen Verkehr zu tragen. Naja...

Der weitere Weg via Nancy, Luxembourg nach Brüssel ist unverändert wie eh und je. An den Tankstellen im Fürstentum ist auch ein reger Betrieb wie seit je. Der Liter Benzin kostet hier 1, 32 Euro – im Vergleich zu Frankreich und Deutschland doch noch recht günstig. Im Tankstellenshop ist natürlich auch immer noch das gleiche Angebot an günstigen Zigaretten, Alkohol und Nutella in fünf Kilo Behältern. Anders als früher wird sehr viel Tabak zum Zigaretten rollen angeboten und das gleich in handlichen Kesseln zu etwa vier oder fünf Liter Inhalt. Da ich nicht mehr rauche, habe ich die Preise nicht besonders beachtet. Da hat sich also wenigstens bei mir etwas verändert und da bin ich doch recht zufrieden mit mir.

 
   

Also nach dem Kaffee wieder Musikstöpsel in die Ohren und los geht die Fahrt über den leerstehenden Zoll in Richtung Ardennen. Der Feierabendverkehr beginnt kurz vor Brüssel und ich befürchte schon die mühsame Stadtumfahrung der Millionenstadt, da zeigt mir mein neues GPS eine Ausweichroute auf Hauptstrassen, statt die Peripherie. Naja, ich hab ja Zeit und wage den Versuch und verlasse mich auf mein neues Spielzeug; und tatsächlich! Über Kreisel und Ampelkreuzungen geht es staufrei und zügig um die Stadt rum. Perfekt! Auch ein alter Routier kann dazu lernen. Herzlichen Dank ans Fräulein Montana das mich so gut führte (GPS: Garmin Montana 600).

Es ist längst schon dunkel als ich in der Nähe von Antwerpen ein Hotel beziehe.

Ich bin müde und habe kalt, so suche ich nicht lange und nehme bei Beveren ein Zimmer in einem Buisness Hotel. Nicht gerade günstig, dafür mit angenehmem Luxus und gediegenem Restaurant.

 

Dienstag 13. November 2012;

Freundlch führt mich Fräulein Montana aus dem Städtchen zum grossen Hafen von Antwerpen. Es ist grau, kalt und es nieselt unangenehm. Aber ich bin ja in den Winterkleidern gut eingepackt.

Mein weg führt mich zu den neuen Docks westlich von Antwerpen. Alles ist perfekt ausgeschildert und sogar Fräulein Montana kennt das Dock von Grimaldi. Umgeben von grossen Trucks mit Containern fahre ich zur Dockeinfahrt. Der Securityman winkt mich vor die LKW und fragt mich, ob ich nur das Bike aufs Schiff bringe, oder ob ich mit fahre. Ich fahre natürlich mit! In dem Fall kann ich ohne Kontrolle von Zoll oder so direkt zum Schiff fahren. Eigentlich habe ich mir das dann doch ein wenig komplizierter vorgestellt. Aber gut so!

Weit hinten, nach einem Gebirge aus Containern, liegt mein Schiff am Dock.

Weiss und gelb, riesig lang und himmelhoch türmt sich die Schiffswand aus dem Wasser.

 
 

Am Heck ist eine rieseige, klappbare Rampe auf der hektisch LKW's, PW's und allerlei Landmaschinen verladen werden. Der Dockchief leitet mich weiter zum Verlademeister des Grimaldi Schiffes. Ein kurzer Blick auf mein Ticket und meinen Pass und schon kann ich begleitet von einem Matrosen auf Deck 6 fahren. Hinter einem Asperrgitter neben vielen Autos lade ich die BMW ab und helfe beim verzurren. Ein letzter Blick auf mein treues Gefährt und schon gehts mit dem Lift auf Deck 12, dem Passagierdeck mit den Kabinen.

Ich habe eine Innenkabine gebucht und bin sehr zufrieden mit meinem neuen Zuhause für die nächsten vier Wochen auf See.

Die Kabine ist nicht all zu eng, hell, klimatisiert und mit Schrank, Schreibtisch, einem kleinen Kühlschrank ausgestattet. Klever integriert ist das kleine Badezimmer mit Dusche, Lavabo und WC. Alles piekfein sauber und gepflegt. Wunderbar!

Ich richte mich ein wenig ein, räume die Alukoffer aus und fülle Schrank und Kommode, schliesslich dauert die Reise um die halbe Welt ja ihre Zeit.

Von Giovanni, dem Mess Boy werde ich kurz in den Tagesablauf eingeführt:

 

0730 Frühstück

1100 Mittagessen

1800 Abendessen

 

Der Master (Kapitän) kommt hinzu und begrüsst mich sehr, sehr freundlich und betonnt, dass ich auf dem Schiff herzlich willkommen bin und mich frei bewegen darf. Einzig der Zugang zu den Ladedecks und des Maschinenraumes ist nur in Begleitung gestattet. Für die Brücke zu betreten wird ein vorheriges Anfragen gewünscht. In heiklen Situationen haben die Leute ja wirklich wichtiges zu tun. Aber mich freut es sehr, dass ich freundlich empfangen werde.

 
   

Beim Mittagessen lerne ich Mel kennen. Mel ist ein Ire der bei London lebt und mit mir zusammen bis jetzt der einzige Passagier an Bord. Er ist bereits in Tilbury (England) zugestiegen und will mit seinem Bike auch nach Uruguay.

Während der Nacht legen wir ab und fahren nach Le Havre um dort weitere Güter zu laden und auch neue Passagiere aufzunehmen.

Mel und ich machen einen Ausflug ins Stadtzentrum von Le Havre um noch einiges einzukaufen und sich ein wenig umzusehen. Mir erscheint die Stadt nicht nur wegen des grauen Himmels grau und Trist.

Zurück im Hafen liegt unsere „Grande Buenos Aires“ an einem anderen Dock um dort occasion Autos für Afrika zu laden. Die neuen Passagiere sind auch eingetroffen. Hmmmm... bei Mel und mir macht sich leider eine leichte Ernüchterung breit; es sind sechs pensionierte Franzosen und zwei in meinem Alter. Mit Phillipe und Hérvé den beiden jüngeren kommen wir rasch in guten Kontakt. Die anderen bleiben sehr reserviert und obwohl ich mich um mein bestes französisch bemühe, komme ich nicht in Kontakt mit ihnen. Tja nu, dann sollen sie halt untereinander bleiben.

Die Fahrt durch die Biskaja und um das nördliche Spanien herum ist etwas stürmisch und grosse, zweihundertsiebzehn Meter lange und 32 Meter breite Schiffe kämpft sich tapfer schaukelnd durch die Wellen. Nach ein paar Stunden kann ich zufrieden feststellen, dass ich die Tabletten gegen Seekrankheit nicht brauche. Aber es beruhigt halt doch, sie dabei zu haben...

Auf Höhe con Casablanca (Marrokko) wird die See ruhiger und die Grande schiebt sich mit fast 38 km/h durch das Meer. So schaffen wir fast eintausend Kilometer am Tag.

Tagsüber kann ich die ersten Delphine beobachten die unserer Schiff begleiten. Spielerisch leicht und scheinbar vergnüglich flitzen sie durch die Wellen und springen mit rundem Rücken aus dem Wasser. Diese sind etwas grösser als Libellen. Sie schwingen sich aus dem Wasser und flattern mit ihren Flügelartigen Flossen einige Meter knapp über den Wellen dahin um wieder einzutauchen.

Gegen zehn Uhr abends gleiten wir bei sehr ruhiger See in Sichtweite an Gran Canaria vorbei. Offiziere, Matrosen, der Koch und einige Passagiere stehen an Deck und geniessen nicht nur die hell erleuchtete Küste, sondern nutzen auch für ein paar Minuten den Empfang der Handys. Rasch melde ich mich auch zuhause mit einigen SMS und freue mich auf die raschen Antworten.

 

 

 

22. November 2012

Pünktlich zum Frühstück legen wir im Hafen von Dakar an.

Den Winter haben wir hinter uns gelassen; es ist schon drückig warm. Einfach wunderbar.

Schon um halb neun Uhr verlässt der Zoll das Schiff und die grosse Rampe wird abgesenkt, sofort beginnt der Ablad von Autos, Landmaschinen und Containern.

Mel, Hérvé und ich machen uns auf den Weg um ein wenig Afrika zu schnuppern.

Kaum aus dem Hafen heraus werden wir schon von „Freunden“ in Empfang genommen. Alles mögliche wird angeboten und empfohlen. Aber wir schütteln die Männer ab um in richtung Stadt zu gehen. Selbstverständlich auf jedem Schritt verfolgt von Händler und selbsternannten Guides. So begleitet erkunden wir ein wenig die Märkte und Basare.

Sehr amüsant ist der ÖV in der Stadt. Neben halbwegs modernen Bussen aus französicher Produktion quälen sich uralte, über und über bemalte Berliet Büsschen durch das Gewirr der engen Strassen und Märkte. Zu- und ausgestiegen wird vielfach einfach bei langsamer Fahrt. Auf einem grösseren Sandplatz haben sich die Mechaniker der Busse unter freiem Himmel eingerichtet. Repariert wird am Strassenrand, unter dem Fahrzeug liegend und die angewinkelten Beine auf der holprigen Fahrbahn. Inshallah kann man da nur hoffen.

Mit dem Taxi gönnen wir uns einen Auflug zum mondänen Restaurant Lagon 1 am Strand von Dakar. Ein herrlicher Traum einer Anlage! Das Restaurant ist über dem Strand gebaut und eine wunderbare Terrasse führt wie ein Quai hinaus übers Wasser. Da lassen wir uns doch gerne einige Zeit verwöhnen!

Nach dem Nachtessen laufen wir aus dem Hafen in die Nacht hinaus.

Schon kreuzen wir ein anderes Grimaldi Schiff das in den Hafen drängt um auch seine Ladung zu löschen. Weiter draussen nach der sogenannten Sklaveninsel liegt noch ein anderes Schiff, die „Grande Amburgo“ und wartet ebenfalls auf die Einfahrt zum Grimaldi Dock.

 

 

 

25. November 2012 Äquator

Am frühen morgen haben wir den Äquator überquert!

Das muss natürlich würdig gefeiert werden!

Um elf versammelt sich Besatzung und Passagiere neben der Brücke auf Deck 13 im freien. Die neuen Besatzungsmitglieder und die Passagiere müssen sich gesondert aufstellen und werden erstmal tüchtig mit dem Feuerwehrschlauch nass gespritzt. Da taucht der erste Offizier als Neptun verkleidet auf. Weiss gekleidet mit goldener Krone und silbrigem Dreizack befiehlt er uns zu sich um jeden Novizen zu taufen;

Einzeln müssen wir uns hinknien und werden tüchtig mit kaltem Kaffee getauft.

Danach wieder die Erfrischung und Reinigung mit dem Feuerschlauch.

Das Ganze ist ein herrliches Vergnügen bei über 35 Grad im Schatten.

Meeresgott Neptun befiehlt sich richtig zu duschen und umzuziehen, dann steht auch schon ein netter Apéro auf der Brücke bereit. Dabei wird uns noch persönlich ein Taufschein übergeben.

 

 

Die weiteren Tage geniesse ich an der herrlichen Sonne, blicke vom lesen auf und lasse mich vom tiefblauen Meer blenden. Einfach herrlich!

Neben viel lesen versuche ich auch täglich etwas spanisch zu lernen.

Die nächsten Hafen sind Rio de Janeiro, Santos (Brasilien) die wir anlaufen werden. Weiter geht dann die Reise nach Zarate (Argentinien) und schlussendlich nach Montevideo.

Ich hoffe dort um den 10. Dezember einzutreffen.